Drei Chöre ziehen gemeinsam alle Register
Von Urs Mattenberger
Wenn ein Traditionschor mit jungen Ensembles zusammenspannt, ist der Verdacht nahe, hier werde auf Umwegen der Nachwuchs beigezogen, der in den eigenen Reihen fehlt. Dass beim Händel-Festival die Motivation eine andere war, bewies schon das Programm, das sich gestern mit einer Uraufführung sowie mit Jazz-Adaptionen in den Late-Nights Händel originell näherte.
Das bewies aber auchschon das Eröffnungskonzert vom Freitag, in dem der Händel-Chor seine Vorzüge im Alleingang zeigte. Der volle, durch alle Stimmen ausgeglichene Klang gab nicht nur den triumphalen Auftritten in Händels “Alexander’s Feast” angemessene Grösse. Auffälliger noch war die rhytmische Spannkraft in bewegten Passagen, die dramatische Akzente setzte. Umso weicher liess Pirmin Lang die weiten Melodien fliessen und ausschwingen. Vorzüglich hier wie an den folgenden Abenden das Solisten-Ensemble mit dem geschmeidigen Sopran von Marysol Schait und dem impulsiven Tenor von Seil Kim, zwischen denen sich Andreas Felber mit klar zeichnendem Bass behauptete.
Drei Chorcharaktere
Die Verbindung mit dem jungen molto cantabile und den Luzerner Sängerknaben diente gestern in der Jesuitenkirche nicht nur dazu, den Chor aufzublähen, sondern stellte die unterschiedlichen Chorcharaktere zunächst einzeln vor. molto cantabile demonstrierte in Händels “The Ways of Zion” die Vorzüge eines schlanken, differenziert gestaltetenden Kammerchors. Die Sängerknaben führten in Chören aus dem “Messias” vor, wie die hellen Knabenstimmen selbst in einer Grossbesetzung klare Konturen bewahren.
In der auf Händel bezogenen Uraufführung von Martin Völlingers “Inspired!” wurden solche Qualitäten gezielt eingesetzt. Völlinger setzt zwar in seinem vom Jazz-Trio Marc Hunziker mit Drive grundierten Werk auch die Grossbesetzung ein. Aber mehr noch spielt er mit den zusätzlichen Registerfarben, indem er etwa den Knabenchor wie blendendes Licht plötzlich durch den Gesamtklang hindurchbrechen lässt. Der Einbezug von Songs und eines Raps von der Kanzel setzten zusätzlich reizvolle Akzente, wobei lediglich das Orchester (Capriccio Basel) etwas im Hindergrund blieb.
Festivalcharakter hatte dieses Händel-Wochenende aber wegen der thematisch klug programmierten Ergänzungen, die zeigten, wie Händels Musik weiterwirkt. Gestern gehörten dazu Brahms’ Händel-Variationen (emotional: Patrizio Mazzola) und Duette, die Händel im Messias verarbeitet hat. Höhepunkt waren aber die Late Nights, in denen sich Jazz-Studenten der Musikhochschule mit Händels “Wassermusik” auseinandersetzten. Da wurden im UG des Luzernen Theaters Ohrwürmer aus dem populären Werk witzig und süffig integriert in einen suggestiven, vital brodelnden Ethno-Jazzsound.
Der Werkstattcharakter wird heute in Händels “Messias” fortgeführt. Die Geburt Jesu erzählt von den Sängerknaben, die Passion von molto cantabile und die Auferstehung vom Händel-Chor: Das steht stellvertretend für ein Konzept, das beweist, dass man mit fast ausschliesslich lokalen Kräften in Luzern spannende Festivals machen kann.












